KulturPur: 30 Jahre – 7 Tage

KulturPur2020: 30 Jahre – 7 Tage
Legendärer Rock, „No Roots“ und klassische „Shades of Earth“

Wegweisender können Glückwünsche zum 30. Geburtstag des internationalen Musik- und Theaterfestivals kaum klingen: Rund um „Sex Bomb“ mit Sir Tom Jones und Mark Forsters „Chöre“ liegen sieben Festivaltage, an denen ein Großteil der Genres auf der Ginsberger Heide zu erleben sind, die KulturPur zum kulturellen Aushängeschild Südwestfalens gemacht haben. „Unser Publikum erwartet von Jahr zu Jahr immer ein wenig „mehr“ und natürlich tragen wir diesen Erwartungen mit unserem Geburtstagsprogramm Rechnung – selbst wenn wir damit die Messlatte wieder etwas höher legen“, sind sich Landrat Andreas Müller und Festivalleiter Jens von Heyden einig.

Bestes Beispiel ist die Compagnie Les 7 Doigts (26.5.), eines der herausragendsten zirzensischen Ensembles, die aktuell auf internationalen Bühnen zu sehen sind. Zehn Artistinnen und Artisten, die in Sachen Bekanntheit zwar im Schatten des weltberühmten Cirque de soleil stehen, in Sachen Können und Ästhetik aber durchaus im Stande sind, noch eine Schippe draufzulegen: Mit „Passagers“ zeigen sie bei KulturPur ihren neuesten elektrisierenden Mix aus Zirkus, Theater, Illusion, Musik und Tanz und machen die Bühne zur aufwühlenden Erweiterung von Erfahrungsgrenzen. Wer die perfekte Körperbeherrschung und die emotionale Inszenierung der kanadischen Compagnie gesehen hat, versteht warum die Festivalmacher nun seit mehreren Jahren versuchen, das Ensemble auf den Giller einzuladen. Dass es ausgerechnet zur Eröffnung des Geburtstagsfestivals klappt, ist zwar auch dem berühmten Quäntchen Glück geschuldet, vor allem aber einem langen Atem und einer fast stoischen Beharrlichkeit der Festivalmacher.

Wortwörtlich legendär wird der Festivalmittwoch, wenn Sir Tom Jones (27.5.) die Ginsberger Heide mit seinem Besuch „adelt“. Als Sohn eines Bergarbeiters aus dem walisischen Pontybridd stieg er vom Hilfsarbeiter und Staubsaugervertreter zur Show-Ikone auf. Seine überschäumende Bühnenpräsenz und enorme Wandlungsfähigkeit machten ihn schnell zu einem der weltweit gefragtesten Live-Performer und sorgten für sein Fan-Pseudonym „Der Tiger“. Während er in diesem Sommer bereits seinen denkwürdigen 80sten Geburtstag feiert, begeistert er nach wie vor sein Publikum mit zahllosen Hits. „It’s Not Unusual“, „Thunderball“ für den gleichnamigen James Bond-Blockbuster, „Delilah“, „What’s New Pussycat?“, „She’s A Lady“, „Help Yourself” oder „Green Green Grass Of Home”, die seine ungewöhnliche Bandbreite zeigen und sich mehr als 100 Millionen Mal verkauft haben.

Weder John Ford noch Sergio Leone haben dann am Donnerstag ihre Finger im Spiel, wenn es im Rothaargebirge Die Besten im Westen (28.5.) heißt. Und anstelle eines Termins um 12 Uhr mittags geht es ganz regulär zur allerbesten Primetime zur Sache, wenn das Siegerpodium des großen WDR-Showdowns „Der beste Chor im Westen“ live in der großen KulturPur-Zeltkathedrale für Gänsehaut sorgt. Moderiert von Sabine Heinrich präsentiert KulturPur dann die „Gemischten Stimmen BIGGEsang“ (Bester Chor im Westen 2019), das Frauenensemble „Encantada“ und den klassischen Männerchor „Lahnvokal“. „Biggesang“ stehen dabei für ein breites Spektrum mit allen Facetten der Chorliteratur. Von der Romantik über die Renaissance bis hin zur Moderne sowie Gospel, populärer Popmusik oder Stücke mit schwarzafrikanischen Einflüssen. „LahnVokal“ und „Encantada“ halten sich ebenfalls eine große stilistische Bandbreite weltlicher und geistlicher Musik offen, letztere legen ihren Schwerpunkt zusätzlich auf moderne A-cappella-Arrangements aus Jazz und Pop.

Natürlich darf auch das Thema Wort bei KulturPur nicht zu kurz kommen, doch da Comedy und Kabarett ebenso wie theatrale Inszenierungen in der Region bereits vielfältig auf extrem hohem Niveau zu erleben sind, liegen die Schwerpunkte hier schon seit einigen Jahren im Bereich des Entdeckens. Moderiert von Archie Clapp beweisen deshalb in der Comedy-Eigenproduktion Stand UP30 (29.5.) das Liedermacher-Duo Simon & Jan, Comedian David Kebekus und die Schweizer Comedienne Isabell Meili, dass die Dreißiger kein Zuckerschlecken dafür aber höchst unterhaltsam sein können. Während Clapp, der einer deutsch-englischen Künstlerfamilie entstammt, sich bereits im Zirkus und Varieté zu einem gefragten deutschen Stand-up-Comedian und Moderator gemausert hat, balancieren die beiden preisgekrönten Liedermacher Simon & Jan noch durch die Irrungen und Wirrungen der Welt und jodeln gegen ungezähmten Fleischkonsum. Bei David Kebekus wird hingegen ehrliche Verwunderung von authentischer Gleichgültigkeit abgelöst und auch die junge Schweizerin Isabell Meili steckt voller Gegensätze, wenn sie zwischen Genügsamkeit und Gier pendelt, sie Tiere mag und Fische hasst oder für ein besseres Miteinander plädiert jedoch Nulltoleranz bei Schmatzgeräuschen predigt.

Im Anschluss serviert Gregor Meyle (29.5.) nebenan im großen Zelttheater ein Soul-starkes Crossover: Bekannt durch „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ und seine eigene Musikshow „Meylensteine“ ist er seit Jahren auch von den kleinen und großen Festivalbühnen nicht mehr wegzudenken. Immer dicht am Publikum zaubern er und seine Band bei KulturPur mit Klassikern wie „Keine ist wie du“, „Niemand“ und vielen neuen Songs Intimität und großes Show-Feuerwerk gleichzeitig auf die Bühne. Musikalische Brillanz trifft hier auf Entertainment und klare Statements, Erlebtes und Beobachtetes auf Noten und Texte. Eine authentische und gefühlvolle Mischung, die bereits zahlreiche Prominente wie Sarah Connor, Sasha und inzwischen sogar Helene Fischer ins Schwärmen bringt.

Ein wilder Rock’n’Roll-Ritt durch Musik- und Klangwelten aus Orient und Okzident, Indie, Rock und einem gehörigen Spritzer Electronic bringt dann die Heide in einer LateNight zum Beben. Who killed Bruce Lee (29.5.) aus Beirut orientieren sich an Acts wie Led Zeppelin, The Who und den Beatles genauso wie an LCD Soundsystem, The Strokes, den Queens Of The Stone Age oder Jay Z. Dazu kommen Einflüsse orientalischer Künstler wie Abdel Halim Hafiz, Oum Kalthoum, Fairouz und Wadih al Safi. Who killed Bruce Lee spielten in den vergangenen Jahren bereits auf dem Open Flair Festival und dem Juicy Beats wie auch auf der Kieler Woche oder Bochum Total, doch der KulturPur-LateNight-Gig wird definitiv ganz besonders.

Tags darauf startet ein KulturPur-Musik-Samstag der Superlative zunächst mit der gebürtigen Frankfurterin Alice Merton (30.5.), die ihre Kindheit in den USA, Kanada und England verbrachte und entgegen ihres heimatlos anmutenden Erfolgstitels im internationalen Musikgeschäft angekommen ist wie keine zweite Sängerin der vergangenen Jahre. Nach ihrem weltweiten Mega-Hit „No Roots“ und nahezu ebenso populären Nachfolgern „Hit the ground running“ oder „Why so serious“, nach rund 430 Millionen Streams, nach Gold in den USA, 7 x Platin in Deutschland, einem Job als Voice of Germany-Coach, einer Nominierung für die 1 Live Krone, dem Gewinn des ECHO und einem Auftritt bei der New Yorker Jimmy Fallon Show rockt sie nun den Giller und präsentiert dem Siegen-Wittgensteiner Publikum die Songs Ihres Deluxe Albums „Mint+4“.

Später am Abend ist Legendary Classic Rock im hautengen Lederdress dann das besondere Markenzeichen einer zierlichen Frau, die selbstbewusst den begehrten KulturPur-TopAct-Platz am Samstag beherrscht. Die Rede ist natürlich von Suzi Quatro (30.5.) – einer der erfolgreichsten Rockmusikerinnen der ‘70er. Sogar im hochgradig Adrenalin-befeuerten Musikbusiness findet man solche Energiebündel nur äußerst selten. Seit ihrem 14. Lebensjahr steht die Amerikanerin nunmehr über 50 Jahre auf der Bühne, feuert regelmäßig ihre großen Hits vom Schlage „Can The Can“, „48 Crash“‘, „Devil Gate Drive“, „If You Can`t Give Me Love“, „She`s In Love With You“ oder „Stumblin In“ aus der Hüfte und begeistert ihre Fans immer wieder auch mit neuen Songs. Kein Wunder also, dass sie keinen Gedanken ans Aufhören verschwendet. „Ich gehe erst in Rente, wenn ich mich umdrehe, mit dem Hintern wackele und es herrscht Stille“, erklärt sie – wohlwissend, dass bis dahin noch viel Zeit vergehen dürfte.

Wenn es dann tiefe dunkle Nacht wird auf der Ginsberger Heide schlagen Mono Inc. (30.5.) ihr Anfang des Jahres erschienenes „Book Of Fire“ auf: Dark-Rock – härter und gefühlvoller als je zuvor! Mit Hymnen für die Zurückgelassenen und Vergessenen nehmen die Mittelalter-Rocker ihr Publikum mit in die Zeit der Inquisition, in verschlossene Zimmer, zu zitternden Gelehrten, zu Magiern und Hexen, in vom Fackelschein der Häscher erhellte Gassen und in düstere Kerker. Bereits mit ihrem letzten Album „Welcome to Hell“ landeten die Hamburger auf Platz 2 der Charts und „The Book of Fire“ toppte diesen Erfolg sogar noch und schoss auf Platz 1. Laut Metal Hammer, dem Zentralorgan der Szene, verdanken die Mono Inc.s diesen Erfolg vor allem ihren geschmeidigen Kompositionen, die ihren Hörern statt Stolpersteinen, geradliniges Songwriting, tanzbare Rhythmen und gefällige Höhepunkte bieten.

Mit der Philharmonie Südwestfalen (31.5.) steht dann am Sonntagabend der ‘klassische‘ Publikumsmagnet des Festivals auf der Bühne des großen Zelttheaters: „Shades of Earth“ titelt die exklusive Eigenproduktion in diesem Jahr des fortschreitenden Klimawandels und des massiven Waldsterbens. Als Ode an die Schönheit unseres Planeten setzt sie sich mit den verschiedenen Facetten der Erde, ihren Elementen und ihren Mythen auseinander. Unter dem Dirigat von Chefdirigent Nabil Shehata wandelt die Philharmonie auf den Spuren der Dinosaurier („Jurassic Park“), spürt mit den jeweiligen Ouvertüren dem „Fliegenden Holländer“ oder dem „Kriegsbringer Mars“ nach und wendet sich im Beethoven-Jahr mit großformatigen brandneuen Bildprojektionen von Tobias Melle der 6. Sinfonie des genialen Komponisten zu – der „Pastorale“! Ein überwältigender Konzertabend moderiert von Dietmar Wunder, Terra X-Sprecher und Synchronstimme von James Bond alias Daniel Craig,

In der Sonntags LateNight steht mit Party Pop noch eine musikalische Spielart auf dem Programm, die dem KulturPur-Erfolg der letzten dreißig Jahre stark in die Karten gespielt hat: Unverkennbare Refrains und Gute- Laune-Musik, wie sie Guildo Horn oder Dieter Thomas Kuhn auf die Ginsberger Heide brachten, waren für die Spider Murphy Gang (31.5.) immer eine Selbstverständlichkeit. Kaum ein Kind der ‘80er, das „Skandal im Sperrbezirk“ nicht heute noch mitsingen kann oder das nicht mehr weiß, wen man unter 32168 ans Telefon bekommt. Fast 40 Jahre nach „Schickeria“ und ebenjenem Skandal schnüren die Spiders nun auch 2020 wieder die „Rock ’n‘ Roll Schua“.

Champeta, Vallenato & Cumbia live präsentieren am Montag Nachmittag die Bazurto AllStars (1. 6.). Diese sieben Kolumbianer gelten als „Partymaschine pur“ und zählen in ihrer Heimat zu den angesagtesten Cumbia-Bands. Mit ihren Hits El Bololó und La Pupileta erreichten sie über 20 Millionen Youtube-Aufrufe, bei KulturPur bringen sie das Kleine Zelttheater zum Beben, bevor dann Mark Forster am Pfingstmontag (1.6.) seine „Chöre“ ein letztes „Au revoir“ im großen, leider bereits ausverkauften, Zelttheater anstimmen lässt.


30 Jahre KulturPur, das heißt auch 30 Jahre intensive Unterstützung durch treue Partner und Sponsoren. Neben der Veranstalter- und Kooperationsgemeinschaft (Kreis Siegen-Wittgenstein, Gebrüder Busch Kreis, IG Metall Siegen, IHK Siegen, Stadt Siegen, Stadt Hilchenbach, 1. Förderclub für Kleinkunst und Varieté) sorgen vor allem die Sparkassen im Kreis Siegen-Wittgenstein, die Fa. Polygonvatro, die Krombacher Brauerei und die Lauer & Süwer Automobile GmbH für die hohe Qualität des Festivals. Eine Qualität, die auch das NRW-Ministerium für Kultur und Wissenschaft erkannt hat und deshalb besonders das umfangreiche Nachmittagsprogramm mit einem Zuschuss fördert.

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