MASQUES – Hinter der Maske / Kunst, Solidarität & Burkina Faso

Eine Einführung von Dr. Petra Skiba, Kuratorin der Ausstellung
Afrika, dieser seit Urzeiten besiedelte Kontinent – man spricht auch von der Wiege der Menschheit – steht für das Unbekannte, das Geheimnisvolle, zumindest aus europäischer, westlicher Sicht. Afrika kennen lernen und begreifen – zu einem Teil zumindest, ist das Anliegen dieser Ausstellung.

Spricht man von afrikanischer Kunst, so meint man damit die Kunst Schwarzafrikas, die sich vom arabischen Norden des Kontinents, den Staaten des Maghreb, unterscheidet und die künstlerische Produktion vieler sehr verschiedener Ethnien umfasst.
Die traditionelle Kunst der Völker Schwarzafrikas ist fest mit Mythologien, Festen und Ritualen verbunden: die Welt der Ahnen und Götter lebt bis heute in ihr weiter. Dies dient als Motivation zur Erschaffung von Masken und Figuren.
Masken kann man in ihrer Bedeutung nur verstehen, wenn sie in ihrem kulturellen Kontext gesehen werden. Die Masken spielen bis heute in rituellen Handlungen eine unabdingbare, aktive Rolle. Unter den meist religiös motivierten Objekten spielen die Holzmasken eine besondere Rolle.
Holzmasken aus Burkina Faso sind im Alltag sehr präsent. Im Allgemeinen handelt es sich um Arbeiten, die von begabten Handwerkern geschnitzt werden. Dennoch werden diese Masken niemals zur Dekoration angefertigt, sondern finden in der Regel bei animistischen Riten Verwendung. Denn die meisten Bevölkerungsgruppen in Burkina Faso praktizieren Naturreligionen, die nie wirklich vom Christentum oder dem Islam verdrängt werden konnten.
Die grundlegenden Bedingungen für das Vorkommen von Masken sind weitgehend ähnlich: Nach der Erschaffung der Welt durch einen Schöpfergott verlieren die Menschen durch einen ersten Tabubruch oder ein Normvergehen ihr sorgloses Dasein. Sie müssen auf der unwirtlichen Erde mit den Gefahren der Wildnis fertig werden und um ihr Überleben hart kämpfen. Um die Menschen jedoch nicht völlig zu überfordern oder gar dem existentiellen Untergang preiszugeben, stellte der Schöpfergott ihnen Hilfe in Form unterschiedlichster Wesen zur Seite. Diese begegnen den Menschen unter anderem auch in Gestalt der Masken oder Skulpturen. Die Wesen begleiten die Menschen innerhalb ihrer Gesellschaft bei allen möglichen Anlässen. So z. B. bei der Initiation, bei der die jeweils jüngste Generation den Status von erwachsenen, vollwertigen Mitgliedern der Gemeinschaft bekommt und dabei mit den wichtigsten Regeln des gesellschaftlichen und rituellen Lebens vertraut gemacht wird.
Auch gelten viele Masken und Figuren als Schutz gegen böse Kräfte und Krankheiten. So begleiten sie einen Verstorbenen in die Welt der Toten oder sie werden bei zeremoniellen Feierlichkeiten (Beschneidungsritual, Feste zu Ehren einzelner Götter, Ahnengedenken etc.) getragen. Sie sind Symbole der Fruchtbarkeit, indem sie bei agrarischen Riten zur Aussaat oder Erntezeit angelegt werden. Und manchmal dienen sie einfach nur der Unterhaltung.
Obwohl uns Europäern dergleichen Riten weitgehend fremd geworden sind, üben die Masken auf uns häufig einen magischen Reiz aus. Eine Sehnsucht nach Ursprünglichkeit und Natürlichkeit erklärt vielleicht die oft wundersame Berührtheit beim Anblick traditioneller afrikanischer Werke.
Und auf diesem Wege gelang es wohl der traditionellen Kunst Afrikas – eindeutiger als andere Ansichten des „schwarzen“ Kontinents – auch die Herzen europäischer Künstler zu berühren: Pablo Picasso ließ sich Anfang des 20. Jahrhunderts davon inspirieren und entwickelte eine der bedeutendsten modernen europäischen Kunstrichtungen, den Kubismus. Einige Jahrzehnte später entdeckte Joseph Beuys für sich die Spiritualität und das Schamanentum in der afrikanischen Kultur und entwickelte daraus seine konzeptuellen Ansätze.
Während die alte afrikanische Kunst ihren Einzug in die Kunstmuseen hielt, blieb die neue Kunst der unabhängig gewordenen Länder Afrikas weiterhin draußen. Nicht, dass es unbekannt war, dass es sie gab. So war die Ausstellung „Moderne Kunst in Afrika“ im Rahmen des Festivals der Weltkulturen „Horizonte“ in Berlin 1979 ein erster Versuch, zeitgenössische Kunst aus Afrika in Europa umfassend vorzustellen.
Ansonsten wurde die zeitgenössische afrikanische Kunst weiter ethnologisch beurteilt und wurde, wenn überhaupt, in den Völkerkundemuseen ausgestellt. Der Weg aus diesen Orten in die Ausstellungspaläste von Paris, London oder Berlin war weit und mühsam: Kaum eine Kunst hat in der europäischen Betrachtung so viele Verwandlungen durchmachen müssen wie die Afrikas, bevor sie als der europäischen fast ebenbürtig angesehen wurde. Ihre wirkliche Aufwertung beim europäischen Betrachter – vom Artefakt zum Kunstwerk – begann im späten 20. Jahrhundert. Erst 1989 hat die Ausstellung „Magiciens de la terre“ im Centre Pompidou in Paris für breitere Aufmerksamkeit für neue Kunst aus Afrika gesorgt.
Seither hat sich das Interesse an der neuen afrikanischen Kunst zunehmend verstärkt. Veränderte Strukturen, maßgeblich die Zusammenarbeit der Museen und Ausstellungszentren auf nationaler und internationaler Ebene haben dafür gesorgt. Selbstverständlich sind heute auch auf den weltweit bedeutendsten Ausstellungsreihen wie der „Documenta“ in Kassel und der „Biennale di Venezia“ Künstler aus afrikanischen Ländern vertreten. Die zeitgenössische afrikanische Kunst ist bei uns angekommen!
Kunst aus dem heutigen Burkina Faso, dem Herzen Westafrikas, ist in Europa nicht oft zu sehen. Im „Land der aufrechten Menschen“, wie Burkina Faso in der Übersetzung heißt, gibt es eine lebendige Kunstszene. Das Land zählt zwar zu den ärmsten der Welt und ist dennoch gleichsam ein Kulturzentrum Afrikas. Seit 1972 richtet Burkina Faso das panafrikanische Filmfestival FESPACO aus, das alle zwei Jahre in Ouagadougou, der Hauptstadt, stattfindet. Im Wechsel zum FESPACO wird der internationale Kunsthandwerkssalon SIAO (Salon international de l`artisanat) organisiert. Theaterfestivals und Messen der Bildenden Kunst, zu denen Künstler aus allen Regionen des Landes eingeladen werden, sind auch offen für internationale Beteiligung. In der Musik- und Tanzszene gibt es unzählige Events ebenso wie jährlich stattfindende Maskenfeste und Straßentheatersymposien. Und nicht von ungefähr hat der 2011 gestorbene deutsche Regisseur Christoph Schlingensief, ein Operndorf-Projekt in Burkina Faso begonnen.
Die in dieser Ausstellung vorgestellten 9 jungen Künstler geben uns einen Einblick in die aktuelle Kunst ihres Landes. Es wird sichtbar, welche unterschiedlichen Positionen sie unter dem Eindruck der vielfältigen Traditionen und der zeitgenössischen Welt-Kunst entwickelt haben. Auf Fragen wie –  „Gibt es eine Symbiose zwischen alt und neu oder eher einen Konflikt zwischen Tradition und Moderne in der bildenden Kunst Burkina Fasos?“ und „In wieweit zeichnen die Bilder ein Bild der sozialen, politischen und künstlerischen Wirklichkeit des Landes?“ – geben die Maler sehr individuelle Antworten.
Das breite Spektrum kreativer Ausdrucksmittel zeigt deutlich, wie die Künstler aus Burkina Faso auf die soziale und politische Dynamik unserer Zeit reagieren.
Wenn die Maler ihre Bilder in Siegen präsentieren, erweisen sie sich als Brückenbauer, die eine Verbindung zwischen der afrikanischen Kultur, ihrer Spiritualität und der westlichen Kunst herstellen. So begegnen uns Betrachtern unterschiedliche künstlerische Traditionen und Ausprägungen von Ästhetik.
Wenngleich die unmittelbare Wirkung jedes einzelnen Bildes immer nur in seinem gegenwärtigen Zusammenhang gesehen werden kann, sind alle Werke dieser Ausstellung – ob Maske oder Bild – lebendige Botschafter westafrikanischer Kultur und Lebensweise.

Dr. Petra Skiba
Kuratorin der Ausstellung „Masques – hinter der Maske I Kunst, Solidarität & Burkina“

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