Marcus Brühl

Lyrik, Prosa



Marcus Brühl ist am 13. Mai 2015 in Berlin verstorben.
In den nächsten Monaten wird sein letzter Gedichtband erscheinen, an dem er bis zu seinem Tode gearbeitet hat.
Die Schriftstellerin und Marcus beste Freundin, Waldtraut Lewin, verfasste dazu folgenden Nachruf:

In Memoriam Marcus Brühl
Ein Versuch, mit Fassungslosigkeit umzugehen
Warum?
Das alte Monster Tod schlägt zu, unersättlich, blind und ohne Gnade. Das wissen wir ja. Aber warum er, der, wie es aussah, gerade dabei war, wieder einen Weg zu finden zu sich selbst, zu seinen Poesien – warum einen Jungen, wo andere vielleicht verzweifelt um Erlösung vom Erdendasein flehen?
Wir kannten einander seit zwanzig Jahren. Beim Treffen Junger Autoren, wo ich in der Jury saß, kam er Rad schlagend in den Raum, tänzerisch, überströmend vor Lebensfreude, und schockierte den angereisten Bonner Beamten, indem er im Fummel, auf Pumps und die Federboa um den Hals, seinen Preis entgegennahm.
Eine Zeitlang lebten wir sogar unter einem Dach, in freundlicher Symbiose.
Er war verspielt, unordentlich, soff Kaffee wie ein Muselmann, quarzte, was das Zeug hielt, war dem Alkohol ganz und gar nicht abgeneigt.
Wo es aber niemals liederlich zuging, das war, wenn es sich um seine Poesien handelte.
Von Anfang an war da die Pranke des Löwen zu spüren.
Diese filigranen Gebilde, meist nur ein paar Zeilen, waren bei aller Zartheit von solcher Stringenz, so genau erdacht und erfühlt, dass es nichts daran zu rütteln gab. Sie waren hauchdünne Spinnweben – und dabei unzerstörbar wie Stahl.
Er schrieb ein Buch, das in der Szene gleich zum Beststeller wurde, er versah seinen unterm Pseudonym Penelope geschriebenen „Tuntenleitfaden“ mit all dem skurrilen Humor, der ihm zur Verfügung stand.
Was noch? Er war freundlich, ein Freund. Liebenswert.
Er sollte uns nicht verlassen müssen.
Vor ein paar Tagen schenkte ich ihm mein jüngstes Buch. Es ist – zunächst – eine Auseinandersetzung mit dem Tod. Er kam nicht mehr dazu, es zu lesen.
Darin heißt es, im direkten Gespräch mit der Naturgewalt: „Niemand kann DICH besiegen. Aber DIR Paroli bieten, indem man gegen das Vergessen angeht.
Erinnern ist Leben.
Dem Unsinn des Vergehens setze ich meinen Trotz entgegen.“
Marcus, wir hätten dich noch gebraucht.

Waldtraut Lewin




Mitglied in der Schriftstellergruppe "Neue Gesellschaft für Literatur Berlin" und "der zirkel".

Vita:
Geb. 1975 in Siegen. Student.

Veröffentlichungen:
Lesungen in Freiburg, Siegen, Köln, Bonn, München, Bremen, Berlin, Göttingen, Mainz, Potsdam. Preisträger "Treffen junger Autoren", 1993. Einladung des Kultusministeriums NRW zur Schreibwerkstatt. Text des Monats der Stadt Dortmund, 1995. Literaturpreis, "Preisträger treffen junge Autoren", 1995. Lewin-Preis, 1995. Veröffentlichung in der Anthologie "Unter der Steinhaut", 1994. in diversen Zeitschriften, im Rundfunk. Filmportrait "Marcus - Penelope", Regie: Maike Wetzel/Hochschule für Film und Fernsehen München. "Atemlicht geräuschlos", edition schwarzdruck. Berlin, 1999. Penelope: Lebensansichten einer gepflegten Tunte, Querverlag. Berlin, 1997. Veröffentlichungen in zahlreichen Zeitschriften, u.a.: "ungewußt. Die Zeitschrift für angewandtes Nichtwissen." "Ort der Augen. Blätter für Literatur." "Berliner Lesezeichen."

"Marcus Brühl ... besticht in seiner Lyrik durch eine sensible Ehrlichkeit und ungekünstelte Tiefe. Da schreibt einer über sich und über sich hinweg, aus sich heraus und durch sich hindurch und tritt dabei unmerklich hinter den eigenen Gedichten zurück, die stark genug sind für sich selber zu stehen. Bilder in teils drastischer Sprache wirken zunächst wie filigrangewebt. Beim näheren Hinsehen werden sie schnell zu elastischen Wortnetzen, die Autor und Leser auffangen und halten." (Silke A. Schuemmer, in: "Der Literat. Fachzeitschrift für Literatur und Kunst". 36. Jahrgang, 1994).

Leseprobe:
vor so vielen leuten zu liegen
strengt an.
ein trauriger weg
setzt sich auf einen stein
und reckt sich und sieht sich
geräuschlos um.
wenn einer kommt,
rollt er sich aus.


© Kultur!Büro. Kreis Siegen-Wittgenstein - Kulturhandbuch im Internet • KHB 1038.HTM / 18.05.2015 |