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taz
Nr. 5825 vom
3.5.1999 Seite 15 Kultur
Der Tag,
als Paul kam
Ciao Startum, hello Kunst:
Paul McCartney stellt erstmals seine Malerei in der
Provinz Südwestfalens aus
Von Mike
Külpmann
,,Viele Städte in Italien wollen deine Bilder auch
ausstellen", sagte ein Journalist zu Paul McCartney
während seiner Pressekonferenz in Siegen. ,,Ohne sie
gesehen zu haben?", kontert der Popstar und wirft
einen verschmitzten Blick nach rechts. Dort sitzt der
Ausstellungsorganisator Wolfgang Suttner und freut sich
über seinen Schützling. Immerhin nimmt die Gegenfrage
auf, was der Deutsche seit Wochen in allerlei Medien
erklären muß: Warum findet die Premiere der
McCartneyschen Malerei ausgerechnet in Siegen statt?
Warum gerade in dieser 100.000-Einwohnerstadt im
Niemandsland zwischen Dortmund, Frankfurt und Köln, wo
es gerade mal eine Uni und eine
Fußball-Regionalligamannschaft gibt? Dabei ist es doch
so einfach: ,,Because Wulfgäng lives hier", sagt
Paul, und der sei der einzige, der sich ernsthaft für
seine Malerei interessiert habe und nicht für den
Popstar. Anfragen hat es viele gegeben, Hunderte, aber
auf die Idee, sich die Bilder erst einmal anzusehen, war
niemand gekommen. Niemand außer dem Kulturreferenten des
Kreises Siegen-Wittgenstein, Wolfgang Suttner. Das
Interesse hat sich gelohnt: Am Freitag kam Paul
McCartney, um ,,paintings" zu eröffnen.
Suttner hat die Vorgeschichte schon so oft erzählt, daß
sie inzwischen wie eine Legende klingt: Vor vielen Jahren
sei er bei einem McCartney-Konzert in Dortmund gewesen
(,,wegen meiner Tochter", so Suttner) und habe am
Rande in einem Interview gelesen, daß der Musiker eine
ganze Menge selbstgemalter Öl- und Acrylbilder in seiner
Garage aufbewahre. Ohne so recht vom Erfolg seiner
Mission überzeugt zu sein, bekundete er formell
Interesse bei der McCartney-Agentur MPL, die Bilder sehen
zu wollen. Einige Wochen später meldet sich Linda
McCartney telefonisch bei ihm.
An das erste Treffen nach einer wilden Autofahrt durch
die Hekken Südenglands erinnert sich Suttner genau: ,,Er
kam auf mich zu und sagte ,Hi, I'm Paul McCartney', aber
ich sagte: ,No, you are Paul Miller, an unknown English
artist." So wollte er seine eigene Nervosität im
Zaum halten, dem Weltstar unbefangen gegenübertreten.
Über fünf Jahre lang sollte Suttner nun diesen ,,Paul
Miller" immer wieder besuchen, sollte stundenlang
über dessen Bilder diskutieren, sie kritisieren, bis Sir
Paul himself den Wunsch äußerte, endlich einmal
öffentlich ,,Feedback" auf seine Malerei zu
bekommen. Er wollte ausstellen, wie es jeder Absolvent
einer Kunsthochschule tut. In New York oder London wäre
er nur der malende Beatle gewesen, aber in Siegen?
Vielleicht würde man ihn dort als Künstler so ernst
nehmen, wie
,,Wulfgäng" es bislang getan hatte.
Und ,,Wulfgäng" gibt sich in der Heimat alle Mühe,
die Beteiligten auf diesen Aspekt des Unternehmens
,,McCartney" einzuschwören. Unermüdlich
unterstreicht er dessen Bedeutung als Künstler, spricht
vom ,,freien Malgestus", mit dem er ,,innere
Bildvorräte aktiviere. ,,Abstrakter
Expressionismus", ,,Surrealismus" und
,,Pop-art" seien die Inspirationen des
,,Multitalents" McCartney, Willem De Kooning sein
Vorbild. Von Personenkult will er nichts wissen, alle
Beatles-Referenzen seien völlig unangebracht.
Doch neben den ideellen gab es weitaus handfestere
Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. Suttner war zwar
Leiter des Kultur- und Medienhauses Lyz, aber eine
angemessene Galerie gab es in Siegen nicht. Eine
Strategie muß her: Der Kreisbeamte vermarktet die
Ausstellung als image-trächtiges Großereignis für die
Region und läßt das Lyz im Handstreich um 600
Quadratmeter Ausstellungsfläche erweitern. Eine
spezielle Beleuchtung wird auf Wunsch McCartneys extra
entworfen und angefertigt. Über die Kosten schweigt man
sich aus. ,,Mit absoluten Zahlen stößt man bei der
Kulturarbeit in Siegen nur auf Unverständnis", so
ein Sprecher des Lyz. Eine interne Kostenrechnung geht
von 1,4 Millionen Mark aus, Mitarbeiter der
Kreisverwaltung rechnen eher mit dem Doppelten.
Kritiker der Ausstellung gibt es kaum. Zu einmalig
scheint die Chance, endlich den Ruf des sterbenden
Stahlstandortes loszuwerden. Daß der Ausstellungskatalog
als Prestigeobjekt nicht
in Siegen, sondern in Süddeutschland gedruckt wurde,
interessierte niemanden am vergangenen Freitag; dem Tag,
als Paul kam. 18 Minuten lang beantwortete er die Fragen
von 250 Medienvertretern, dann feierte er abends im Kreis
seiner Freunde und geladener Gäste die Eröffnung der
Ausstellung. Dort gibt es neben über 70 Arbeiten
zwischen 1983 und 1995 auch Fotos, die Linda McCartney
von ihrem Mann während des Malens aufgenommen hat. Den
Abschluß bildet eine Video-Installation mit sechs
Monitoren, die McCartney als Gitarrist zeigen. In leicht
zeitversetzten Sequenzen hört man disharmonische
Tonfolgen und Lautsprecherpfeifen - jenes
,,Feedback" eben, das er sich als Maler erhofft.
In seinen Bildern selbst gibt sich der Star
zugänglicher. Es dominieren klare Farben, oft
zentimeterdick aufgetragen, dann wieder abgekratzt; hier
und da ist sogar die Leinwand beschädigt. Pop-Ikonen wie
Bowie, Warhol oder Elvis tauchen ebenso auf wie seine
Frau Linda und die Queen. Mit 40 habe er noch einmal
etwas Neues anfangen wollen, so McCartney, der das
langjährige Hobby seit 1983 intensiver betreibt.
Kritiken interessieren ihn nicht, und auch das Risiko
einer künstlerischen Bauchlandung scheint den Ex-Beatle
nicht zu stören.
Gegen Abend säumen um die tausend Menschen die Straße
vor dem Siegener Kulturhaus. Endlich fährt ein Wagen
durch die Menge und hält unmittelbar vor dem Eingang, in
dem McCartney mit einem kurzen Winken verschwindet. Eine
Chance auf ein Autogramm gibt es für die meisten nicht.
Ein Sprecher des Lyz entschuldigt sich: ,,Es geht
schließlich um den Maler, nicht um den Pop-Star
McCartney."
"Paul McCartney - paintings", bis 25. 7.,
Kunstforum Lyz, Siegen
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Kommentar Mike Külpmann
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