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DIE WELT
vom 30.04.1999
Paul
McCartney als Maler
In Siegen
zeigt er erstmals seine Gemälde 400 Journalisten
haben sich angesagt
Von Marion Leske
Siegen. Allmählich wünscht sich Wolfgang Suttner, es
wäre schon alles vorbei. Das sagt er nicht. Aber man
sieht es ihm an. Nein, daß seine Idee so viel Wirbel
auslösen würde, hätte er dann doch nicht gedacht. Fast
400 Journalisten haben sich zur Pressekonferenz an diesem
Freitag angesagt. Viele waren sogar schon vorher da. Und
alle wollen wissen: Warum kommt Paul McCartney
ausgerechnet nach Siegen? Nicht in New York, London oder
Tokio, sondern in der südwestfälischen Kreisstadt, in
die er zuvor noch nie war, zeigt der Star erstmals seine
Gemälde.
Schuld ist Frederike. Vor fünf, sechs Jahren entdeckte
die damals neunjährige Tochter Suttners ein
Magazininterview, in dem Paul sein heimliches Hobby
verriet. Darauf gab sie dem Papa - einst Kunstlehrer und
Kunstkritiker, heute Kulturreferent - den entscheidenden
Tip: „Stell doch mal was von dem aus."
Suttner ist ein wenig müde, die Geschichte wieder und
wieder zu erzählen. Viel lieber will er über die Bilder
sprechen, die Mr. McCartney gemalt hat. Schließlich geht
es um den unbekannten Künstler, nicht um den Ex-Beatle.
„Im lustvoll besetzten Bereich zwischen gestischem
Impetus und farbprozessualer Komposition bewege sich
Pauls bildnerische Arbeit, schreibt der Fachmann Suttner
im Katalog. Etwas einfacher gesagt: Expressiv und ein
wenig surreal soll sein, was da voll Experimentierfreude
seit den achtziger Jahren im verborgenen entstand.
Immerhin war McCartney mit dem amerikanischen Maler
Willem de Kooning befreundet, einem führenden Vertreter
des abstrakten Expressionismus. Den Belgier René
Magritte hat er bewundert. Und gekauft. Wie er auch Andy
Warhol und britische Pop-Artisten sammelte.
Paul, die Doppelbegabung: Gezeichnet hat er schon früh.
Als Elfjähriger erhielt er in der Schule einen
Kunstpreis, verrät Suttner. Damals brachte ihm die Musik
noch keine guten Noten ein. Das kam erst später und ist
ein bekanntes Kapitel.
Wie gelang es dem Kulturreferenten aus Siegen, an den
Weltstar heranzukommen? Angebote soll das Popidol ja
hinreichend gehabt haben. „Die anderen wollten seine
Bilder ausstellen, weil er berühmt war. Ich wollte sie
sehen. Das schrieb ich ihm." Irgendwann folgte eine
Einladung nach Südengland. Nächtelang habe er mit Paul
in dessen Atelier gesessen und diskutiert, berichtet
Suttner. „Ich habe Paul als Maler ernstgenommen.
Dadurch entstand Vertrauen." Gemeinsam trafen sie
aus dem rund 500 Werke umfassenden Oeuvre eine Auswahl
von rund 75 Gemälden. Dazu Fotografien von Linda, Pauls
1998 verstorbener Frau.
Dem Ortsunkundigen weisen flächendeckend Hunderte von
Fähnchen den Weg. „Paul McCartney" steht
darauf in großen Lettern. Darunter, deutlich kleiner:
„paintings". Am unteren Rand hat sich, mitsamt
rotem Logo, die Sparkasse verewigt. Sie hat das rund 1,4
Millionen teure Projekt gesponsert.
Ansonsten deutet überraschend wenig auf das aufregende
Ereignis hin, das auf den 775. Geburtstag der Stadt
fällt. Die restlichen 120 000 Siegener Bürger sehen der
Sensation derweil gelassener entgegen. Sie gehen wie
gewohnt ihren Geschäften nach. Aus den Lautsprechern im
City-Kleinbus, der die Passanten kostenlos durch die
Einkaufszone der schnuckeligen Altstadt befördert,
träufelt Volksmusik, als habe es die Songs der Beatles
nie gegeben. Am mangelnden Kunstsinn der Einwohner kann
das unmöglich liegen, hat doch Rubens hier 1577 das
Licht der Welt erblickt. Daran erinnern nicht nur die
acht monumentalen Gemälde des barocken Meisters in der
Oberen Schloßanlage, sondern auch ein nach ihm benannter
Förderpreis sowie ein Brunnen und die Rubens-Apotheke in
der Innenstadt. Auf Peter Paul folgt nun also Sir Paul.
Doch das bringt den Siegerländer, der mithin 422 Jahre
auf den nächsten Kunst-Event warten mußte,
offensichtlich nicht aus der Ruhe. Oder ist es nur die
Ruhe vor dem Sturm?
Kunstforum Lyz, St. Johann-Str. 18, 1.Mai bis 25.Juli,
geöffnet täglich außer montags von 10-20 Uhr.
Informationen: Tel 0271/333-2448, Fax: 0271/331073.
Informationen im Internet:
http://www.siegen.wittgenstein.de/kultur
© DIE WELT, 30. 04. 1999
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